J. Bühler : „Jeder Komatrinker ist immer noch einer zuviel“:
Falsches Signal an junge Menschen“: Ver-
kaufsverbot für Alkohol nach 22 Uhr kippen?

AOK und Mediziner sehen den Trend kritisch und trealistisch:
80 Ostalbmänner und 49 Komasauf-Frauen in Ostalb-Kliniken


„Falsches Signal an junge Menschen“   Das Verkaufsverbot für Alkohol nach 22 Uhr soll gekippt werden. AOK und Mediziner sehen das kritisch. Aktuelle Zahlen zum Komatrinken nun veröffentlicht.  
Aalen/Schwäbisch Gmünd/Heidenheim. Die Zahl der Komat-rinker sind leicht rückläufig, berichtet die AOK Ostwürttemberg bei der Vorstellung der neuen Zahlen für den Landkreis. Dennoch halten Josef Bühler, Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg und Dr. Jochen Riedel, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Stauferklinikum, das geltende Verkaufsverbot von Alkohol nach 22 Uhr aufzuheben, als das absolut falsche Signal.  

Mit Dr. Gräter aus Essingen (Sprecher der Kreisärzteschaft in Ostwürttemberg, rechts) einig: "Verkaufsverbot für Alkohol nach 22 Uhr auf der Ostalb zu kippen wäre das falsche Signal" sagte besorgt AOK-Chef Josef Bühler (links).            AIZ-Fotos: Dieter Geissbauer
„Alkohol ist weiterhin unangefochten die Droge Nummer 1 in Deutschland. Es ist erfreulich, dass unsere Zahlen bei den Koma-trinkern leicht zurückgegangen sind, doch die Zahl der Alkoholsüchtigen und -kranken leider nicht“, betont AOK-Chef Josef Bühler und verweist auf den aktuellen Bericht der Deutschen Suchthilfe (DSH). In Deutschland konsumieren laut der DSH ca. zehn Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise, davon hatte 3,38 Mio. Erwachsene in Deutschland eine sogenannte alkoholbezogenen Störung.  

AOK auch in Aalen ist besorgt über die sogenannten "Komasäufer".
„Als das Verkaufsverbot für Alkohol nach 22 Uhr beschlossen wurde, ging es vor allem um eine Signalwirkung an junge Menschen, dass es keine Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von Alkohol gibt“, erklärt Bühler. „Das wieder aufzuheben, ist das falsche Signal.“   Die grün-schwarze Landesregierung plant, das Verbot, das seit März 2010 an Tankstellen, Kiosken und Supermärkten zwischen 22 Uhr und 5 Uhr gilt, wieder abzuschaffen. Im Gegenzug soll den Kommunen erlaubt werden, gezielt Trinkgelage auf öffentlichen Plätzen verbieten zu können.  

Der Chefarzt für Kinder- und Jugendme-dizin des Stauferklinikums Dr. Jochen Riedel (Bild rechts) teilt die Sicht des AOK-Ge-schäftsführers. „Gerade das sogenannte Vorglühen – sprich günstig Alkohol einkaufen und vor dem Besuch eines Volksfestes oder Disco zu trinken – scheint Teil einer neuen Jugendkultur zu sein“, sagt der Mediziner. „Dass nun von der neuen Landesregierung als einer der ersten Maßnahmen das nächtliche Alkohol-Verkaufsverbot abgeschafft werden soll, erscheint in diesem Zusammenhang mehr als unverständlich.“  

Laut AOK Ostwürttemberg sind 2015 wegen eines akuten Alkohol-rauschs – im Volksmund Komatrinken – im Ostalbkreis 80 Männer und 49 Frauen in ein Krankenhaus eingeliefert worden – 9 Männer weniger als 2014, bei den Frauen ist die Zahl gleich geblieben. Schaut man auf die Altersgruppe der 15 bis 19-Jährigen verzeichnet die AOK-Statistik 16 Jungen und 13 Mädchen, die in die Klinik mussten. 2014 waren es ein Junge und zwei Mädchen mehr. In der Region Ostwürttemberg waren insgesamt 260 Personen stationär, sieben mehr als 2014.

Der Zuwachs ist im Landkreis Heidenheim zu verzeichnen. Erfreu-lich: Landesweit sinkt die Zahl seit 2011 kontinuierlich.   „Jeder Ko-matrinker ist immer noch einer zuviel“, kommentiert AOK-Chef Josef Bühler die Zahlen und plädiert für ein Umdenken beim Alkoholkonsum. „Jetzt stehen wieder ganz viele Volks- und Vereinsfeste an. Dort sollten alle alkoholhaltigen Getränke grundsätzlich teurer angeboten werden als nichtalkoholhaltige Getr-änke und der Jugendschutz sollte ernst genommen und konsequent eingehalten werden.“  

„Das Problem ist die gesellschaftliche Akzeptanz des Alkohol-konsums“, ergänzt Dr. Jochen Riedel. „Eltern dulden oft den Alkoholkonsum und wirken sogar häufig an der Beschaffung von Alkohol für die meist Minderjährigen mit. Hier muss ein Umdenken stattfinden.“   Dr. Riedel beobachtet mit Sorge, dass weiterhin auch Jugendliche unter 15 Jahren in die Klinik gebracht werden müssen. „Wir hatten vergangenes Jahr 49 ‚Komasäufer‘ im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, die mit dem Notarztwagen in der Kinder- und Jugendmedizin am Stauferklinikum eingeliefert wurden“, berichtet der Arzt aus seiner eigenen Statistik.

„Die Mädchen stellen nun mit 25 Komatrinkerinnen die größere Gru-ppe, darunter waren sogar zwei 13-jährige.“   Mit Blick auf diese Entwicklung, sieht Dr. Riedel, auch eine Gefahr im Falle von späteren Schwangerschaften. „Das kann sich später beim eigenen Nachwuchs zeigen“, erklärt der Arzt. „Das Baby kann mit schweren geistigen und körperlichen Schäden zur Welt kommen. Daher mü-ssen wir als Gesellschaft alle Anstrengungen unternehmen, um den exzessiven Alkoholkonsum bei Jugendlichen zu verhindern. Da-zu gehört weiterhin das Verkaufsverbot ab 22 Uhr!“